erstes kapitel

Zu Beginn des Jahres 2039 fiel in allen Metropolen der Welt ein dauernder Nieselregen vom Himmel. Die lange Trockenperiode war vorüber. Von der Arktis aus war es Climate Change gelungen, das Wetter zu regulieren. Man hoffte, dass sogar die Wüstenregionen künftig bewohnbar werden würden.

Die Temperaturen waren gemäßigt. Je nach Sonnenstand verwandelte sich der Regen manchmal in dichten Nebel, der an den Gebäuden klebte. Den Himmel selbst konnte man zu keinem Zeitpunkt sehen. Er war bedeckt.

Die Nachricht von diesem Erfolg hatte sich sofort verbreitet. Einmal eingespeist, war sie durch das Netz der Nervenbahnen an jede Stelle des Erdkörpers weitergeleitet worden. Wer seinen News Feed gerade geöffnet hatte, der bekam die Nachricht live.

Hätte man am ersten Regentag als Außenstehender das Leben in den Städten beobachtet, so wäre einem etwas Neues aufgefallen: Die Leute – hinter den Fenstern, in den Zügen, auf den Gehwegen – hoben ihren Blick, sahen hoch zu den Wolken, aus denen sich der Regen löste. Die meisten stellten ihren Link aus, viele blieben stehen oder verließen die Fahrzeuge an der nächsten Station. Tausende Gesichter blickten durch die Glasfronten der Gebäude in die neue Wirklichkeit und staunten, als wäre zum ersten Mal etwas passiert.

Die Kinder fingen überall an, im Regen zu tanzen. Sie drückten aus, was jeder auf der Welt empfand.

Auf einem Schulhof in New Berlin – mitten zwischen den Hochhäusern von Downtown – versuchten die Lehrer ihre tanzenden Schüler zurück ins Gebäude zu holen. Es hatte zum Pausenende geschellt, doch die Kinder wussten, dass dieser Regen viel wichtiger war als ihr Unterricht. Sie wussten, dass die Lehrer sich genauso freuten und nur ihre Gefühle nicht zeigten.

„Wir brauchen die Erbse nicht mehr, Frau Jona!“, sagte die kleine Lisa Miller zu ihrer Lehrerin.

„Ich diskutiere nicht mit dir!“, erwiderte Frau Jona.

„Aber Frau Jona“, sagte das Mädchen, „ich kann mit allen meinen Freunden auch so kommuni-munizieren! Wir wollen alle die Erbse nicht benutzen!“

„Genau“, kam der kleine Chang dazu, „genau, genau, genau!“

Der Junge spielte den Verrückten, um die Lehrerin verrückt zu machen. Er tanzte mit Lisa durch eine Pfütze.

„Wir haben uns entschieden, Frau Jona“, sagte Lisa. „Wir wollen die Erbse nicht benutzen! Wir brauchen keinen Unterricht mehr!“

Später saßen alle Kinder durchnässt wieder in den Klassenräumen der Grundschule. Lisa, Chang und die anderen schauten mit geröteten Gesichtern nach vorne. Künstliches Licht erhellte den Raum. Das Regenwetter hinter den dicken Fensterscheiben war ausgeblendet.

„Habt ihr das schon mal probiert?“

Elisabeth Jona zog für ihre Schüler die Augenbrauen zusammen.

„Das macht mein Vater immer!“, rief Patrick.

„Also“, sagte Frau Jona, „alle zusammen.“

Die Kindergesichter wurden ernst. Auf allen Stirnen bildeten sich energische Querfalten. Die Lehrerin ließ diese Mimik von den Kindern paarweise einüben. Solange, bis jeder sie beherrschte.

„Das ist der Wille!“

„Ja“, kam es begeistert von Patrick, dessen weiße Zähne strahlten.

Bevor die Kinder in die High School versetzt wurden, sollten sie in der vierten Klasse lernen, ihren Link zu verwenden. Eltern und Lehrer nannten diesen Link Erbse, obwohl er tatsächlich eher einer Linse glich. Im Kleinkindalter wurde er allen Menschen in den Knochen hinter dem linken Ohr gepflanzt. Der damit verbundene chirurgische Eingriff war unspektakulär und schmerzfrei. Vor der Schulzeit wussten die wenigsten Kinder, dass auch sie einen Link besaßen.

Der anfangs schwierigste Schritt war, den Link an- und auszustellen. Die Technologie musste mit dem Willen verknüpft werden.

„Chang?“, sagte die Lehrerin.

Der kleine Junge, der eben auf dem Schulhof den Verrückten gemimt hatte, sah schüchtern zu seiner Lehrerin auf.

„Chang, hast du Verwandte in Südkorea?“

„Meine Oma und Opa wohnen da!“

„Wie heißt denn dein Opa?“

„Er heißt Yung! Er wohnt in einer großen Stadt!“

Frau Jona schwieg. Sie blickte durch die Reihen ihrer Schüler, die gespannt auf das Kommende warteten.

„Könnt ihr euch etwas vorstellen?“, fragte sie so leise, dass alle ihre Ohren ganz aufmachen mussten.

Patrick hatte wieder einen glänzenden Gedanken, sagte aber nichts.

„Herr Yung ist auf der anderen Seite der Erde“, begann sie nun. „Schließt eure Augen, Kinder!“

Die ganze Klasse tat das.

„Wo ist Herr Yung?“

Die Augäpfel der Kinder bewegten sich hinter den geschlossenen Lidern.

„Ihr könnt mit ihm sprechen!“, flüsterte die Lehrerin.

„Da ist ein Fenster!“, sagte Lisa.

Einer nach dem anderen hoben die Kinder ihre Augenbrauen und wunderten sich über das, was sie sahen. Patrick war der erste, der die Augen wieder öffnete, aber nicht aufhörte, das Fenster vor seinem inneren Auge zu sehen. Die Klasse von Frau Jona hatte ihre Links aktiviert.

Nachdem alle noch gelernt hatten, das Fenster wieder zu schließen, war jedes Kind erschöpft und glücklich. Nur Patrick meinte mit einem breiten Grinsen, dass er aber Changs Opa überhaupt nicht gesehen habe. Da läutete die Schulglocke.

Für Lisa Miller war der Regen danach gar kein so großes Wunder mehr. Sie hatte den Kopf an die Schulter ihrer Mutter gelegt, während sie beide mit dem Tube Taxi nach Hause fuhren. Ihre Mutter redete die ganze Zeit über den Regen, der stetig auf die Scheiben fiel.

„Freust du dich nicht?“, fragte sie Lisa irgendwann. „Schau doch mal!“

Lisa aber ließ ihre Augen geschlossen. Heute war nämlich etwas vorgefallen: Sie war in einen Widerspruch zu sich selbst geraten. Der Anblick des Fensters vor ihren Augen hatte ihr gefallen, obwohl die Lehrerin sie gegen ihren Willen dazu gebracht hatte.

„Was habt ihr denn heute so in der Schule gemacht, Lisa?“

„Nichts“, antwortete das Mädchen.

So kamen sie an ihrem Wohnblock an und nahmen den Lift nach oben. Dort trafen sie auf George, einen Nachbarn im Block. Lisa freute sich, ihn zu sehen.

„Was sagst du zum Regen, George?“, fragte Lisas Mutter. „Sie haben es geschafft!“

„Ja, ja, sie haben es wirklich geschafft“, wiederholte der Nachbar müde.

„Moment!“, sagte die Mutter.

Ihr Blick wurde abwesend, wie das bei Erwachsenen häufiger vorkam, wenn sie beschäftigt waren.

„George“, flüsterte Lisa, „ich habe heute in der Schule das Fenster gesehen!“

„Ach, echt?“, flüsterte der Nachbar zurück.

„Eigentlich wollte ich ja gar nicht!“

„Ja, wer will das schon?“

„Bist du immer noch traurig wegen deiner Freundin?“, fragte das Mädchen mit einer Weisheit im Ausdruck, die George nur von Kindern kannte.

„Bin ich“, antwortete er.

Als er ausstieg und der Lift mit den beiden hinter ihm weiterfuhr, waren ihm Tränen in die Augen getreten. Von der kleinen Lisa hatte er sich mit dem Gefühl getrennt, dass sie wieder besser über ihn Bescheid wusste als er selbst. Er ging den Gang mit den vielen Wohnungstüren entlang und fühlte sich schwer.

In seiner Wohnung stellte er sich gleich an die Fensterfront im Livingroom. Kleine Regentropfen hatten die Scheibe besprenkelt. Sie liefen an ihr herab. Die verwinkelt gebauten Wohnblöcke standen silbergrau vor dem bedeckten Himmel. Doppelröhren mit den Schienentaxis schlängelten sich zwischen den Blöcken her. Auf alles fiel der neue Regen.

Nicht viele Fenster waren erleuchtet. Doch wo sie es waren, da sah man die winzigen Gestalten staunender Leute.

George hätte nicht mehr sagen können, ob seine Augen noch feucht waren oder nicht. Sein Befinden war verschmolzen mit allgemeinen Gedanken, denen er anstelle von Gefühlen nachging.

In solche Gedanken vertieft aß er auch zu Abend und fuhr später wieder mit dem Aufzug. Unten stieg er in ein Taxi und wies es an, ihn nach Downtown zu bringen. Auf seiner Fahrt durch die Röhren blockte er einen holografischen Anruf, noch bevor die Identität des Anrufers ihn stören konnte.

Draußen dämmerte es. Curt hatte angerufen.

„Hast du mich eben angewählt?“, fragte George.

„Ja, sorry, ich war’s! Ich wusste nicht, ob du wirklich … also ob kommst!“, antwortete der Freund, mit dem George verabredet war.

Sie befanden sich am Universal. Dort stand man rauchend unter dem Vordach. Während der Rauch aus den Long-Sleeve-Zigaretten aufstieg, betrachtete man den Vorhang aus Nieselregen, durch den die Passanten schritten.

„Jetzt bin ich ja da“, sagte George.

Curt nestelte nervös an seinem Oberhemd.

„Man braucht offenbar wieder Regenschirme“, sagte er. „Der Regen soll ja erstmal nicht aufhören.“

„Interessiert mich eigentlich nicht so sehr, Curt!“

Nach einer Zeit des Schweigens gingen die beiden hinein. Sie durchquerten das Foyer mit den funktionslos gewordenen Kassenautomaten. Das Universal war bis vor Kurzem ein VR-Kino gewesen. Leute hatten dafür gezahlt, ein paar Stunden mit einer Brille in die Virtual Reality eintauchen zu können. Seit der Link einen eigenen Full Screen Mode bot, waren solche Kinos überflüssig.

Im vormaligen Kinosaal befand sich jetzt eine Lounge, in der aus nostalgischen Gründen Retro Music gespielt wurde. Die beiden setzten sich an einen Tisch am Rand des Saales, auf den bläuliches Licht fiel.

Solange er nicht getrunken hatte, redete Georges Freund auf nervöse und unstrukturierte Art. Er blickte sich oft zu beiden Seiten um, als fürchte er, Unbekannte würden das Gespräch belauschen. Er hatte bei jedem Treffen Brisantes zu berichten. Meist ging es um technische Themen, die George wenig interessierten.

„Stell dir Folgendes vor“, sagte Curt. „Die Gefühle, die wir haben, sind in den Regionen des Gehirns repräsentiert. Vor allem im limbischen System. Zum Beispiel Trauer oder Angst. Wenn du also traurig bist, dann hat das limbische System deine höheren Gehirnfunktionen manipuliert. Du weinst! Siehst du jemanden, der gerade traurig ist, dann kannst du die Emotion lesen. Es gibt da so ein Feedback.“

Er wandte den Kopf kurz, fast erschrocken, nach hinten, wo gerade zwei Männer an einem Tisch Platz nahmen. Dann kam er wieder zu George vor.

„Folgendes“, sagte er, „BC will ein neues Feature hochladen.“

Weil ihre Gläser leer waren, trat die Kellnerin an den Tisch.

„Ja“, sagte George zu ihr, bevor sie fragen konnte.

Sie lachte und ging weiter zu den neuen Gästen.

„Also, George, das neue Feature soll Sympathizing heißen! Oder Real Sympathizing … Ganz genau weiß ich’s noch nicht.“

„Ach, du meinst, man kann dann Gefühle kommunizieren?“

„Exakt“, antwortete Curt. „Man fühlt mit, was der andere fühlt. BC kann von da an dein limbisches System manipulieren!“

Be Connected, kurz BC, war das Unternehmen, das zuletzt die Entwicklung der Software für den implantierten Link übernommen hatte. Es war dadurch so erfolgreich geworden, dass es als erstes den Full Screen Mode auf den Markt gebracht hatte. Danach besaß der Link volle VR-Fähigkeit.

„Kann ich mir nicht ganz vorstellen“, sagte George. „Ich meine, ich weiß ja nicht mal, was du jetzt fühlst! Wo du mir gegenübersitzt.“

„Aber du hast eine Idee davon! Du siehst es an meiner Körpersprache.“

„Ach so. Du meinst, die Körpersprache soll dann mit übertragen werden?“

„Sowas in der Art. Die holografische Projektion soll besser werden. Nachfühlbarer …“

Von der Kellnerin wurden ihnen die neuen Drinks gebracht. George bemerkte, dass die Frau wieder nur ihn anlächelte, Curt hingegen ignorierte. Die beiden Freunde stießen an und tranken. Nach ein paar Gläsern versank Curt in sich selbst. George nutzte diese Gelegenheit, um sie zum Aufbruch aufzufordern. Er zahlte die Rechnung zusammen.

Während sie zwischen den Tischen her zum Ausgang gingen, folgte ihnen der Blick einer Frau, die an der Theke saß. Sie hatte einen Cocktail in der Hand und zog gerade am Strohhalm. Die Frau war ähnlich oft im Universal wie die beiden Männer. Und sie beobachtete jedes Mal George, wenn er mit jemandem am Tisch saß.

Einmal hatte sie ihn in Begleitung einer Frau gesehen, die nicht zu ihm passte. Diese Frau war irgendwann vom Tisch aufgesprungen, hatte ekstatisch gezuckt und war gegangen. Mit einem schmerzvoll verzerrten Ausdruck hatte George ihr nachgeblickt. Doch er war auf seinem Platz geblieben.

Die Frau an der Theke hatte den Ausdruck in seinem Gesicht nicht vergessen. Auch als er eben mit dem Freund am Tisch gesessen hatte, waren Anflüge von Schmerz über seine weichen Züge gewandert.

Nachdem sie den Cocktail bezahlt und den Laden verlassen hatte, ging sie durch den Regen Richtung Subway. Anders als George wohnte sie in einer der vernachlässigten Gegenden von New Berlin. In einem Haus mit zwölf Stockwerken, in dem sie die Treppen bis zu ihrer Dachwohnung zu Fuß hochsteigen musste, wenn der Aufzug wieder defekt war. Diese Wohnung konnte sie sich trotzdem nur leisten, weil sie für den Vermieter regelmäßig Reparaturarbeiten durchführte.

Als heute Morgen der Nieselregen eingesetzt hatte, hatte sie ihre Pflanzen auf die Dachterrasse gestellt. Dort bewegten sich jetzt die Blätter unter Regen und Wind. Die junge Frau stand auf der Terrasse und blickte umher. Im Westen sah man die Lichter der Stadt.

Da schellte es an der Tür.

„Frau Jasmin, sind Sie wieder zu Hause?“

Vor der offenen Tür stand Frau Rosenthal, die Nachbarin von nebenan. Diese sah sie an, wie man ein fremdartiges Wesen ansieht, auf dessen Hilfe man zugleich gerade angewiesen ist.

„Ich wollte eben fernsehen“, sagte die Nachbarin, die eine pinken Morgenmantel trug. „Also ich mache gerade die Augen zu, so richtig schön zu – da höre ich auf einmal das Wasser tropfen! Es kommt bei mir durch die Decke, Frau Jasmin!“