The kid

Wir mussten am Fluss notlanden. Ein Kind kam dort aus den Büschen auf unseren Wagen zu. Es tapste mit seinen kurzen Beinchen, fiel einmal hin und stand dann vor der Flügeltür auf Carls Seite.

Was sollen wir jetzt tun?“, fragte ich meinen Kollegen.

Am besten aussteigen“, antwortete er. „Dauert ja wohl, bis die Reparatureinheit da ist! Ich kann nur meine Tür jetzt nicht aufmachen. Das Kind da steht direkt davor.“

Warte.“

Ich stieg aus und ging um den Wagen. Das Kind versuchte mit seinen Händchen an den Griff der Tür zu kommen. Es blickte zu mir wie jemand, der gerade mit einer sehr wichtigen Aufgabe beschäftigt ist.

Geh doch mal von der Tür weg, Kleine!“, sagte ich.

Ich glaube, es ist ein Junge!“, sagte Carl, der das Fenster geöffnet hatte.

Das Kind hatte schulterlange zottelige Haare. Es trug nur ein schmutziges Hemdchen, das ihm bis zu den Knien ging.

Ist bestimmt ein Junge!“, wiederholte der Kollege.

Wieso meinst du?“

Jungen interessieren sich doch immer für die Polizei!“

Sein Gesicht sieht aber aus wie von einem Mädchen!“, sagte ich.

Ach, das ist in dem Alter so, Frank“, entgegnete Carl. „Die kann man da noch gar nicht voneinander unterscheiden!“

Ich beugte mich zu dem Kind hinab. Da griff seine winzige Hand nach der Schulterklappe an meiner Uniform.

Siehst du?“, sagte Carl. „Der möchte später auch Polizist werden!“

Aus dem Gebüsch war jetzt ein Rascheln zu hören. Ich sah umher.

Wir waren gleich am Ufer notgelandet. Auf einem plattgetretenen, graslosen Streifen. Ein paar Meter entfernt befand sich eine Feuerstelle. Mannshohe Büsche und Sträucher versperrten den weiteren Blick.

Im Sommer leben viele hier am Fluss. Aber als wir gelandet waren, hatten wir niemanden gesehen. Sie mussten sich alle sofort versteckt haben.

Weil das Kind mit dem Hemdchen nicht aufhörte, an meiner Uniform zu zupfen, nahm ich es unter den Schultern zu mir hoch. Es wog so gut wie nichts.

Carl konnte jetzt aus dem Wagen steigen.

Der Kleine hat gar keine Angst vor dir“, sagte er.

Tatsächlich fing das Kind an, mit beiden Händen mein Gesicht zu tätscheln. Es erforschte den Widerstand meiner Bartstoppeln. Das kitzelte.

Soll ich ihn mal für dich nehmen?“, fragte Carl.

Nein, ist kein Problem.“

Die Eltern von dem Kleinen müssen hier irgendwo sein“, sagte er. „Stehen wahrscheinlich da hinter den Büschen und beobachten uns jetzt.“

Ich habe auch eben was gehört“, sagte ich.

Ja, die haben jetzt Angst.“

Das Kind auf meinem Arm hatte die ganze Zeit keinen Laut von sich gegeben. Mit großen Augen und schmutzigen Wangen blickte es mich an. Sagte stumm zu mir, dass wir Polizisten doch dafür da sind, auf es aufzupassen.

Der hat Vertrauen zu dir, Frank!“, sagte Carl. „Will bestimmt später mal weg von den ganzen armen Leuten!“

Aus dem Wageninneren hörten wir, wie der Kommunikator anging. Man rief nach uns.

Halt du den Jungen mal schön fest!“, sagte mein Kollege und setzte sich auf seinen Sitz. „Die sind wohl diesmal doch schneller!“

Da wandte sich das Kind auf meinen Armen von mir ab. Blickte hoch in den wolkigen Himmel. Schwarz und dröhnend näherte sich aus der Ferne die Reparatureinheit, die wir gerufen hatten. Je näher sie kam, desto mehr schien die Luft um uns zu zittern.

Dann kreiste sie über uns. Suchte nach einem Platz zum Landen. Das Kind klammerte sich an mich. Legte seinen Kopf an meine Schulter.

Ich spürte eine Bewegung hinter mir und drehte mich um. Eine junge Frau war aus dem Gebüsch getreten. Sie kam auf mich zu. Streckte mir die beiden dünnen Arm im Gehen entgegen.

Diese Frau hatte die gleichen großen Augen wie das Kind. Den gleichen Schmutz in ihrem Gesicht. Sie trug nur ein bisschen Stoff um ihren bloßen Leib. Unter dem Stoff zeichnete sich die starke Wölbung ihres Bauches ab – so kugelrund, wie es bei dem dürren Körper kaum vorstellbar war.

Sie stand vor mir.

Please“, rief sie durch den Lärm der landenden Reparatureinheit, „please, give back!“

Ich beugte mich zu ihr vor. Doch das Kind hatte seine Hände an meine Schulterklappen gelegt und hielt sich an ihnen fest.

Please!“, sagte die Mutter noch einmal.

Unsere Gesichter waren sich ganz nah. Zwischen ihnen das Kind. Die Mutter hatte es schon mit ihren Händen umfasst.

Komm“, sprach ich leise in das kleine Ohr des Kindes.

Da ließ es los und war im Arm seiner Mutter. Sah zurück zu mir. Bat mich mit seinen großen Augen, doch bei ihm zu bleiben.

Du würdest auch einen guten Vater abgeben, Frank.“

Carl stand wieder neben mir. Die Frau mit dem Kind war verschwunden.

Wo sind die beiden jetzt nur hin?“, sagte ich, aber mehr zu mir selbst, denn ich hatte die zwei ja davoneilen sehen. „Was machen die denn jetzt nur?“

Der Junge war schlauer als seine Mutter!“, erwiderte Carl, ohne mir zu antworten. „Der hat gemerkt, dass er bei dir besser dran wäre!“

Meinst du?“

Kein einziger meiner Kollegen, auch nicht Carl, wusste, dass ich bisher von jeder Frau verlassen worden war. Und dass ich kein einziges Mal verstanden hatte, wieso das passierte. Mir selbst ging es nur immer schlechter und schlechter dabei.

Ach, Frank“, sagte Carl da, „weißt du was? Meine Freundin ist jetzt auch schwanger geworden! Sie wollte einfach nicht mehr aufpassen! Kannst du dir das vorstellen?“

Er lachte – während die zwei vom Reparaturdienst schon mit ihrem Werkzeug aus dem Wagen stiegen.

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