Compassion 2040

Das sind die Momente, bevor ich starb. Ich war nicht krank, sondern jung und privilegiert – da schlug mein Kopf gegen eine brennende Tonne. Hart. Und brach.

Nur welche wie ich würden noch davon erzählen. Wären selbstmitleidig genug, das zu tun. Andere, die auf der Straße zusammenbrechen, hätten Gründe dafür. Aber ihnen fehlen Stift und Papier. Und die Buchstaben.

Ich muss vorher lange durch die Straßen getaumelt sein. In der Nacht. Wo ich keinen Menschen kannte. Ich geriet zwischen all die Analphabeten und Wohnungslosen, nachdem ich ein Restaurant verlassen hatte. Ja, ich war nämlich in einem Restaurant gewesen. Hatte jemanden zum Essengehen. Nicht jeder hat so jemanden. Nicht jeder fühlt sich von jemandem geliebt und geht deshalb mit ihm essen. Ein lächelndes Gesicht gegenüber, im Schein einer Kerze, und eine Flasche Rotwein für zwei.

Warum sagst du nichts?“, frage ich sie.

Sollte ich etwas sagen?“, antwortet sie mit einem Lächeln.

Ich dachte nur gerade, du wolltest etwas sagen.“

Das dachtest du?“

Ja, ich hatte das Gefühl.“

Weißt du“, sagt sie da, „es ist eigentlich schade, dass du meine Gedanken nicht lesen kannst! Dann wüsstest du jetzt die Wahrheit. Wenn du meine Gedanken von Anfang an gelesen hättest, wüsstest du jetzt, was das mit uns war!“

Wieso sagst du ‚war’? Wir sind doch heute hier …“

Wir sind gar nichts!“, flammt sie auf.

Ich greife nach dem Rotwein. Trinke Glas für Glas. Doch ich verstehe nicht mehr – ich verstehe weniger. Wahrscheinlich trinke ich zur Vorbereitung auf das, was kommt. Damit ich nicht hören muss, was sie sagt. Und dann sehe ich sie vor mir. Redend. Ein Mensch, der mir fremd ist.

Nach zwei Flaschen stehe ich vor dem Eingang des Restaurants. Die Public Screens an den Häuserfassaden flimmern von Erotikprogrammen. Brüste schlagen mir ins Gesicht. Schaum aus Badewannen spritzt mir entgegen.

Außerdem schreibst du nur Scheiße … für deine Magazine da!“

Außerdem“, hat sie gesagt. Außerdem.

In der Innenstadt, wo ich bin, gab es bis vor Jahren Geschäfte. Für Mode, Schmuck. Man ging durch die Fußgängerzone. Guckte und kaufte. Wenn es dunkel wurde, stellten die Geschäfte Aufpasser vor die Eingänge. Manchmal war es schon gefährlich, dort unterwegs zu sein. Später verlagerten sie die Geschäfte in sicherere Zonen. Die ohne Wohnung fingen an, das Leben in der Innenstadt zu übernehmen. Wo alles verfiel, waren nun sie.

Also muss ich dann nach dem Rotwein durch die Zone der Innenstadt getaumelt sein. Hand in Hand mit Anna. Denn sie war dabei. Jemand, der im Restaurant vom Tisch aufspringt und ein Taxi ruft – das Glas kippt noch um, Rotwein fließt über den Tisch –, so jemand ist nicht sofort weg. Die Phantasie holt ihn noch einmal zurück.

Wir gehen beide wieder nebeneinander. Da bleibt sie stehen.

Was ist?“, frage ich.

Gibst du mir noch mehr von den Küssen von eben?“

Das Lächeln brennt auf ihrem Gesicht: die geöffneten roten Lippen.

Mach nochmal so!“, sagt sie.

Ich mache es.

Wenn wir bei dir sind“, sagt sie, „zeige ich dir was!“

Wir fahren lange mit dem Aufzug in meine Etage. Das Licht wandert die Schalter hoch. Die Aufzugstür zittert. Dann geht sie auf. In der Wohnung ist es halbdunkel. Durch die Fensterfront sieht man die anderen Wohnblöcke.

Die machen’s wahrscheinlich auch gerade!“, sagt sie.

Ich will an den Schalter für den Vorhang.

Lass einfach offen!“, sagt sie da …

Aus der Öffnung der Tonne schlägt mir das Feuer entgegen. Ich führe gerade eine Flasche Wodka zum Mund. Irgendwer hat sie mir gereicht. Vielleicht, um mir etwas zum Vergessen zu geben. Vielleicht sah ich da in der Fußgängerzone so aus, als hätte ich Vergessen nötig.

All das geschieht in einer dunklen Häusernische. Im Schatten hoher Betonmauern. Wo sonst keiner hingeht, der am Leben bleiben will.

Ich war 30 und kam gerade aus einem Restaurant mit Kerzen auf den Tischen. Der Rotwein kam aus Italien. Menschen ohne Wohnsitz verbrachten ihre Nächte zusammen um brennende Tonnen. Einer von ihnen hatte sich über mich gebeugt. Ich sah sein Gesicht. Das Gewicht meines Kopfes lag auf seiner Hand. Er sprach leise zu mir.

Ich hatte kein Blatt dabei, um festzuhalten, wie mein Kopf da sicher in seine große Hand gebettet war. Gepolstert von einem Handschuh. Sein Gesicht über mir und die Ruhe, die darin lag.

An der Betonmauer, die hoch bis zum Himmel führte, standen ein paar einzelne Buchstaben. Vielleicht die Schreibübungen eines Kindes. Manche waren durchgestrichen, andere waren unsichere Pfade.

Mein Körper fröstelte in der Wärme der Tonne.

Er blutet!“

Da kam ein Taschentuch. Und eine Wolldecke.

Hier, den Rucksack kannst du unter seinen Kopf schieben!“

Hey du, versuch mal die Augen offen zu halten!“

Und dann schrieb ich endlich auf, was mir passiert war. Ich suchte lange in meiner Jacke und fand dann einen roten Buntstift. Die Spitze kratzte über die rohe Betonwand, als meine Linien die Geschichte entlangzogen. Licht gab mir die brennende Tonne.

Diesmal schrieb ich für all die, die zufällig hier vorbeikommen würden. Deren Blick auf diese Wand fiel. Ich hoffte, unter ihnen würde es jemanden geben, der etwas damit anfangen konnte. Hoffte, die Buchstaben könnten zu ihm sprechen. Es stimmte, dass ich mein Leben bisher für Magazine verschwendet hatte.

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