A dream

Es kam im Fernsehen. Keiner hatte damit gerechnet. Weder meine Freundin im Bad noch ich auf der Bettkante, erwacht aus seltsamsten Träumen.

Jasmin?“, rief ich.

Ja, was ist?“

Komm doch mal eben!“

Sie kam mit einem Handtuch aus dem Bad. Wickelte es um den nassen Kopf. Die Vertreter der drei Weltmächte fassten sich gerade über Kreuz an den Händen. Sie standen auf einem Podium. Umringt von Journalisten.

Die haben überall Frieden gemacht“, sagte ich. „Die Kriege sind zu Ende!“

Jasmin setzte sich eng an meine Seite. Ich küsste sie auf den Nacken. Vergrub mich in ihren Duft.

Die brauchen jetzt eine neue Flagge!“, sagte ich dann.

Du meinst, für ihre neue Union?“

Ja, für die brauchen die auf jeden Fall jetzt eine ganz neue Flagge!“

Da stand meine Freundin auf und küsste mich auf die Stirn.

Überleg mal, Patrick“, sagte sie, „so eine globale Union braucht überhaupt keine Flagge mehr! Das ist ja doch das Schöne da dran!“

Sie ging zur Fensterfront. Die Morgensonne schien auf den Wohnblock gegenüber. Die Bilder, die auf dem Public Screen an seiner Fassade liefen, waren kaum zu erkennen. Doch es waren dieselben.

Jasmins Blick ging hinunter auf die Straße zwischen den Wohnblocks.

Lass uns auch mal zu den anderen runter auf die Straße, Patrick. Okay?“

Okay“, antwortete ich.

Dein Bademantel liegt da über dem Sessel!“

Alle trugen Bademäntel, als wir in den Aufzug stiegen. Sie diskutierten bereits. Auf dem Screen im Fahrstuhl fuhr die Kamera an einem Drohnenfriedhof entlang. Rauchschwaden wehten vor dem blauen Himmel.

Wir sollten aber vielleicht nicht nur die ganze Zeit diskutieren“, sagte ein älterer Mann aus dem 15. Stock. „Warum will sich denn jeder ständig abgrenzen?“

Da sagen Sie was!“, erwiderte eine Frau, die wie Jasmin ein Handtuch um ihren nassen Kopf gewickelt hatte.

Unten im Foyer sahen wir durch den Eingang auf die Straße: Hunderte Farben leuchteten im Sonnenlicht – der Zug der Bademäntel hatte die Straße erfüllt. Jasmin hielt mir ihre Hand hin. Wir traten zusammen nach draußen.

Auch denjenigen, die kein Handtuch um den Kopf trugen, trocknete die warme Luft das frisch gewaschene Haar. Wohnblock für Wohnblock bewegte sich der Zug Richtung Innenstadt. Füllte sich von beiden Seiten mit neuen Gesichtern. Leise sprach jeder mit jedem. Die vorbeiziehenden Fassaden spiegelten den klaren Himmel wider.

Ein Mann im Seidenpyjama kreuzte durch die Menge. Er richtete das Wort an alle Bademäntel.

Es ist wahr, wenn sie sagen, dass wir bis zehn schlafen und dann erstmal gut frühstücken!“

Ja, so ist es“, bestätigte eine Frau. „Während wir abends vor dem Screen einschlafen, haben die noch kein Bett für die Nacht gefunden! Die meisten sind dann froh, wenn sie wenigstens neben einer brennenden Tonne sitzen können!“

Und dabei sind da viele gebildete Leute drunter!“, meinte Jasmin zu den beiden. „Wir haben da mal einen von den Wohnungslosen getroffen – der war sogar Schriftsteller! Aber keiner hat verstanden, was er geschrieben hat. Es war zu poetisch. Deshalb konnte er von seinen Büchern nicht leben!“

Also“, sagte der im Pyjama, „was soll mit dem neuen Frieden werden, wenn es Leute wie uns gibt? Wenn Privilegierte wie wir auf Kosten anderer leben?“

In der Innenstadt wusste man zur selben Zeit Bescheid. Man hatte sich vor den Screens versammelt und besprach die neue Lage. Abgebrannt standen die Tonnen in den Häusernischen. Alle Schnapsflaschen hatte man bei ihnen liegen lassen.

Ein Mann trat aus einer Sammelunterkunft. Ihm folgte ein Junge. Der Mann war einmal Schriftsteller gewesen. Der Junge war Sprayer. Trug eine Umhängetasche über der Schulter. Der lange Mantel des Mannes wehte, als die zwei auf ihrem Weg voraneilten.

Immer mehr der herumstehenden Leute beendeten ihre Diskussionen vor den Schirmen und gingen den beiden hinterher. Der Platz vor dem alten Rathaus öffnete sich für alle – auch für die, die wie wir in ihren Bademänteln angetreten waren.

So standen wir dort. Ein letzter Bombenflieger landete eindrucksvoll. Lange hielt die Kamera den aufgewirbelten Wüstensand im Bild. Die Sonne ging gen Mittag.

Während beide Gruppen – die Wohnungslosen und die aus der Vorstadt – einander entgegentraten, wanderte ein Lächeln durch die Menge. Sprang von einem zum anderen.

Doch als Jasmin mich in den Arm kniff und als die ohne festen Wohnsitz allesamt zur Seite zeigten, entdeckte ich den jungen Sprayer. Er war mit seiner Arbeit fertig. Der Alte mit dem Mantel hatte ihm den Text geliefert.

You’re dreaming“, stand da auf dem Beton.

Ich wandte mich zu meiner Freundin, um ihr zu sagen, dass das stimmte.

Patrick!“, sagte sie. „Patrick, wovon träumst du? Willst du nicht mal duschen?“

Sie ließ sich neben mich aufs Bett fallen. Das Handtuch rutschte ihr vom Kopf, und ihr Haar fiel in tausend nassen Strähnen auf das Bettzeug.

Es kam da gerade was auf dem Screen“, sagte sie. „Die wollen vielleicht den Krieg in Nordafrika beenden!“

Vielleicht?“

Ja, was erwartest du denn? Politiker machen doch vor allem immer Versprechungen!“

Ich dachte nur …“, erwiderte ich.

Nicht denken!“, sagte sie und küsste mich an einem Morgen, der so begonnen hatte.

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