Another world

Ich habe auf einmal die Lösung für alles!“, sagte mein Freund mitten im Gespräch.

Wir saßen gerade beim Asiaten und hatten die Münder voll mit Essen aus dem Wok. Während ich vegetarisch aß, füllten die Fleischfasern den anderen drei die Zahnzwischenräume, die jeder von uns entwickelt hatte. Unsere Lebenszeit rückte voran.

Was meinst du?“, fragte Thomas da. „Was willst du lösen?“

Die Probleme der Menschheit!“, antwortete Patrick.

Und welches zuerst?“, erwiderte Thomas trocken.

Patrick schob seinen Teller von sich. Ich betrachtete sein Schweigen. Wir saßen um den Tisch und kauten unsere letzten Bissen zur entrückten Musik, die das Restaurant erfüllte.

An allen Tischen saß man in kleinen Gruppen oder paarweise. Jeder Tisch lag im Schein einer Lampe. Zwischen diesen beleuchteten Bereichen schwirrten die Kellnerinnen. Ihr Lächeln stammte von woanders her.

Aber was denkt ihr?“, sagte Patrick. „Wollen wir dann zahlen?“

Also zahlten wir und gingen. Durch das Eingangsportal. Vorbei an den beiden schrecklichen Löwen, die für die Welt stehen. Meine Freunde hätten noch Zahnseide benutzen sollen. Doch keiner dachte mehr daran, als wir an die kalte Nachtluft traten.

Fahrzeuge schwebten über die Hauptstraße. Der Schirm am Gebäude neben dem Restaurant flackerte unruhig und zeigte digitale Störbilder. Entlang der Straße sahen wir in der Ferne den Zug der Wohnungslosen auf ihrem Weg zu den Sammelunterkünften. Die Nächte waren kälter geworden.

Das Taxi da haben wir jetzt verpasst!“, meinte Thomas.

So ist es aber auch romantisch“, sagte Lea und hakte sich bei ihm ein.

Patrick hielt sich abseits. Zeitweilig streifte ein Lächeln sein Gesicht.

Am Himmel sah ich die Sternbilder stehen. Ein blinkender Punkt flog zwischen ihnen her. Dann näherte sich eine Kontrollstreife und machte im Tiefflug ihre Runden über der Gegend. Sie scheuchte ein paar Leute auf, die in einer Nische um ein Feuer saßen.

Von dort kam einer mit Vollbart und schwerem Pelzmantel auf uns zu.

Ein bisschen sehr mutig, hier langzugehen!“, sagte er. „Welche wie ihr sollten um die Zeit in ihren schönen Wohnblocks sein! Hier gibt’s nicht so viele Aufpasser!“

Er stand breitbeinig vor Patrick.

Wir haben keine Angst“, sagte mein Freund. „Was macht ihr eigentlich so hier?“

Was macht ihr denn eigentlich hier?“, fragte der Mann zurück.

Spazieren gehen.“

Und wir gucken was fern!“

Er zeigte auf den Schirm über uns, wo gerade die Werbung für einen Badezusatz lief: Schaum quoll aus einer Wanne, als das Bild abriss und „World Update“ auf den Bildschirm platzte.

Der Mann im Pelzmantel lachte.

Immer up to date“, sagte er, während oben die neuesten Bilder von den Flutwellen auf der Südhalbkugel kamen.

Habt ihr vielleicht was Geld?“

Haben wir“, sagte Patrick.

Möchtet ihr Schnaps?“

Danke, besser nicht!“

Ich trinke auch nicht“, sagte der Mann. „Wenn’s so kalt ist, mache ich Tee. Wir haben bei uns drüben einen echten Samowar. Wie die in der Steppe!“

Hatten Sie mal einen Beruf?“, fragte Patrick höflich.

Der Mann aber blickte jetzt zur Straße hin. Scheinwerferlicht fiel auf uns. Ein Wagen stoppte schräg auf dem Gehweg. Mit dem Aufspringen der Flügeltüren riss für uns die Nacht auf. Zwei Männer kamen aus dem Gegenlicht auf Lea und mich zu.

Partytime!“, sagte der eine.

Lea griff nach Thomas’ Arm.

Wir haben noch gar kein Date heute Abend! Schade, findet ihr nicht?“

Wir suchen noch ein bisschen Begleitung!“, sagte der andere grinsend. „Ihr beiden langweilt euch doch auch!“

Was die zwei bis jetzt alles verpasst haben!“, sagte der Erste zum anderen. „Die wissen vielleicht noch gar nicht, was richtig ausgehen ist!“

Hier! Erstmal was Wodka zum Warmwerden!“

Sie hielten Lea ihre Flasche vors Gesicht. Der eine hatte sich Thomas gepackt.

Wir können aber auch vorher ins Kino!“

Ach, die zwei wollen lieber selber mal im Film mitspielen!“

Haben die nicht schon zu viele Falten in ihren hübschen Gesichtern?“

Die beiden Gestalten konnten nicht zu Ende lachen. Vom Feuer waren ein paar Männer gekommen und schmissen die zwei auf die Motorhaube ihres Wagens. Der Wodka lag zersplittert auf dem Asphalt, als sie sie durchgeprügelt zurück in den Wagen steckten und die Türen zuwarfen. Eine Tür schlug noch auf ein herausstehendes Fußgelenk – dann schlingerte das Auto über die Straße davon.

Ich habe es gesagt“, wandte sich der Mann im Pelz zu uns. „Es ist hier gefährlich für euch!“

Thomas hielt Lea im Arm. Mich hatten sie nicht angerührt, aber ich zitterte genauso. Patricks Blick lag auf Straße, wo die Nacht den Wagen verschluckt hatte.

Man gewöhnt sich an sowas“, sagte der Mann zu ihm. „Oder auch nicht. Ich habe übrigens früher Gedichte geschrieben. Die sie dann manchmal nach den Spätnachrichten gesendet haben! Immer so aufbauende Gedichte! Später habe ich das drangegeben. Also freiwillig.“

Stimmt“, sagte ich da, „die waren auch wirklich schlimm! Entschuldigen Sie!“

Keine Ursache.“

Aber teilweise fand ich die auch ganz gut!“, meinte Patrick.

Ja, wahrscheinlich habe ich gelegentlich was von mir eingebaut. Ohne dass es der Sender gemerkt hat!“

Kam in denen nicht auch mal vor … sowas, wie dass alle Menschen eigentlich zusammengehören, auch wenn sie ständig gegeneinander sind? So ganz paradox?“

Der Mann lachte.

Kann sein. Solche Ideen haben ja Leute, die die Wirklichkeit noch nicht kennen!“

Aber das macht die Ideen nicht unbedingt schlechter, finde ich!“, entgegnete Patrick.

Zum Abschied sagte der Mann mit dem Pelz noch, Hauptsache sei eben nur, dass wir auf der Straße die Augen offen hielten. Dann kehrte er zurück zum Feuer. Auch Lea und Thomas verabschiedeten sich. Eine Elektro-Rikscha nahm sie mit in die Vorstadt. Patrick wollte mit der Untergrundbahn fahren.

Gleich an der Eingangsschleuse zur Station drängte sich ein junges Paar an uns vorbei. Mein Freund fasste mich um den Rücken.

Die sind frisch verliebt!“, flüsterte er.

Die beiden sahen sich mit aufgeregten Gesichtern noch einmal zu uns um. Wir gaben unsere Fingerabdrücke ab und traten wie sie auf die Rolltreppe. Arm und Arm.

Unten in der Station, an der Betonwand über den Gleisen, war ein einzelner Satz hingesprüht. Genauso kühn wie gekritzelt. Hinter dem letzten Buchstaben führte die Linie steil nach unten. Als hätte es den Sprayer in den Untergrund gezogen.

I see another world“, stand an der Wand.

Patricks Augen zitterten über dem Satz.

Was ist eigentlich heute los mit dir?“, fragte ich.

Er lächelte.

Es liegt am Essen“, sagte er.

Dann küsste er mich.

Nicht ablenken, Patrick! Du hast da doch eben gemeint, alle Probleme wären schon gelöst oder so. Das hat aber keiner von uns verstanden!“

Ach so, das meinst du.“

Und, was sollte das bedeuten?“

Weiß ich nicht mehr genau. Eben dachte ich das einfach! Spielt das denn jetzt so eine Rolle?“

Aus dem Dunkel des Tunnels fuhr die Bahn ein. Die Türen öffneten sich. Eine Handvoll Leute stieg ein. Fuhr wie wir in die Vorstadt. Auf unserer Fahrt legte ich den Kopf an Patricks Schulter.

Unser Abend war schön gewesen. Schön und schrecklich.

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