Von einem Mädchen

Einmal hätte ein einsamer Mann fast noch die große Liebe gefunden, wenn sein Herz denn dazu bereit gewesen wäre. Es hätte ein kleines Mädchen sein können, das an seinem Fenster vorbeikam und zu ihm aufblickte, um ihm zu zeigen, was die Liebe war. Es wäre nicht notwendig gewesen, dieses Mädchen zu heiraten – das wäre auch gar nicht gegangen, denn es handelte sich um ein sehr junges Mädchen von zwölf oder dreizehn Jahren. Es ging da vielmehr um etwas Grundsätzliches, was sich dem Mann hätte zu erkennen geben können.

Und vielleicht geschah das sogar für einen flüchtigen Augenblick. Aber derselbe Mann – aus dem Fenster gelehnt, eine letzte Zigarette zwischen den Fingern – litt tatsächlich an einer Herzkrankheit, die nur ein paar Sekunden darauf zu seinem Ende führte.

Er hat sich also zur Straße hin aus dem Fenster gelehnt, raucht und erblickt das Mädchen, das die Liebe in ihm erweckt. Dann sieht man, wie er ins Wohnzimmer zurückweicht. Er taumelt, ist nicht mehr Herr seiner selbst. Unterschiedlichste Willensimpulse führen in ihm einen letzten Streit: Das überraschende Glück, sein Gewissen und die Herzkrankheit kämpfen miteinander, während er zurücktaumelt. Wer einen solchen Moment überlebt, der hat noch irgendetwas Gutes vor seinen Augen, irgendeine Aussicht, die ihm den Weg in die Zukunft bahnt. Doch der einsame Mann, der die Liebe fand, lässt seine Herzkrankheit die Oberhand gewinnen. Das Ende ist für ihn das Erstrebenswerteste geworden.

So erreicht er das schäbige Sofa und hält sich dort fest. Er sinkt auf das Polster. Die Welt um ihn – die Straße draußen, die anderen Häuser, ja, sein eigenes Wohnzimmer – geht unter, als er dort sitzt. Er fühlt nur noch das Polster, das ihn jetzt trägt und davon abhält, einfach ins Nichts zu versinken.

Seine Brust ist eng wie ein Spalt, durch den kaum Luft dringen kann.

Vor Zeiten hatte er ein anderes Sofa. Es war eine hellbraune Le­der­couch von enormen Ausmaßen, die im selben Wohnzimmer stand. Darauf saß er Abend für Abend und guckte, was der Fernseher zu bieten hatte. Keiner sah ihn, wie er dort saß – und das war auch besser so.

Dann fand er sich irgendwann versetzt an die Theke einer Eck­kneipe unweit seiner Wohnung. Das Gute am Trinken war, dass er mehr und mehr vergaß, für wie abstoßend er sich gehalten hatte, als er hierhin gekommen war. Vielleicht hatte er sogar mit den anderen Gästen ein paar Scherze ausgetauscht, vielleicht sogar selber dabei gelacht – als sich jemand neben ihn setzte.

Du bist also der Udo?“, fragte sie und lächelte.

Sie hatte einen großen Mund, dünne Lippen und große Zähne.

Und was machst du so?“, fragte sie dann. „Du bist wahrscheinlich ein Jäger und suchst nach Abenteuern!“

Sie lachte wildgeworden.

Und so ging das weiter. Sie saßen an der Theke, tranken und sagten, was ihnen gerade einfiel. Überraschenderweise war seine Zunge diesmal frei geworden, so als spielte es keine Rolle mehr, wer er war und wo sie sich befanden.

Dann fielen ihm im Verlauf sogar die Worte ein, die man sagt, wenn man jemanden mit zu sich nach Hause nehmen will. Sie hatte nur darauf gewartet.

Die will’s heut noch wissen!“, flüsterte ihm jemand zu, als sie im Aufbruch begriffen waren.

Man lachte in der Eckkneipe – warum auch immer. Das Lachen verfolgte ihn noch, als sie beide auf die Straße traten. Er wusste nicht, wie er es einschätzen sollte.

Schnell waren sie dann bei ihm und saßen im Wohnzimmer.

Ich mach sowas nicht!“, sagte sie da plötzlich.

Sie hatten schon eine Zeitlang auf der hellbraunen Ledercouch gesessen. Sie blickte immer wieder im Zimmer umher. Der De­cken­fluter leuchtete alles aus.

Ihre Augen gingen die Schrankwand mit der Nische für den Fern­sehapparat entlang, an der Vitrine mit den Gläsern vorbei und dann zur Wand, an der das Bild von dem Zigeunermädchen hing, das er seit Jahren gar nicht mehr wahrgenommen hatte. Ansonsten klebte dort nur die gleiche Strukturtapete wie seit Urzeiten.

Dann fiel ihr Blick zurück auf den Fernseher, dem sie beide gleich gegenübersaßen. Vor ihnen auf dem Couchtisch lag die Fern­bedienung.

Sie sah ihn an, und er griff nach der Bedienung.

Als der große Schirm ansprang, erschien sofort ein halbnackter Frauenkörper. Es war das Spätprogramm. Irgendein Film, der schon lief und der ihn – jetzt, neben der unbekannten Frau – irritierte. Vielleicht hätte er ihm sonst gefallen, aber in dieser Lage wollte er nicht einmal gerne hinsehen.

Da, wieder so eine Halbnackte. Entweder dieselbe oder eine andere.

Hat ’ne hübsche Figur die, oder?“, fragte ihn die Frau.

Die auf dem Schirm hatte lange blonde Haare. Die neben ihm auf der Couch öffnete dagegen gerade ihren Zopf: Ihr Haar war blond gefärbt, doch glänzte kaum.

Mir ist heiß!“, sagte sie.

Sie zog langsam ihren Pullover aus. Darunter trug sie ein Top aus Seide.

Der Film auf dem Schirm flimmerte vor seinen Augen, obwohl das nicht gut sein konnte – da aber stand die Frau, die aus der Eck­kneipe mit zu ihm gekommen war, auf. Sie stand jetzt vor der Couch.

Wie findest du denn diese Figur? Guck mal! Kann man sogar an­fassen!“

Stück für Stück streifte sie zur Musik aus dem Fernseher ihre Sa­chen ab. Ihre Hüften wiegten sich währenddessen hin und her.

Hin und her.

Ist auch alles echt!“, sagte sie und lachte. „Nur für dich!“

So stand sie dann vor ihm.

Komm!“, sagte sie und kam noch näher. „Du kannst das!“

Sie wiegte ihren Körper hin und her, immer weiter, während er ihr ins Fleisch griff. Er fing an, an ihr zu reiben. Er rieb so fest, wie er konnte, weil es fester besser für ihn war.

Der Fernseher flimmerte hinter dem nackten Körper.

Sie hatte ihren Kopf in den Nacken gelegt. Dann kam sie zu ihm herunter, ging auf die Knie und fasste ihn am Gürtel.

Helf mal ’n bisschen!“

Die gefärbten Haare waren ihr ins Gesicht gefallen. Sie warf sie zurück. Dabei kamen wieder die großen Zähne in ihrem wilden Mund zum Vorschein.

Du bist aber auf jeden Fall ein echter Mann!“, sagte sie ohne Sinn. „Keine Angst, ich beiße nicht!“

Sie lachte.

Und dann war irgendwann der flimmernde Fernseher aus seinen Gedanken verschwunden. Es mochte sein, dass er die Augen manchmal offen hielt, aber tatsächlich sahen die nichts mehr von der Umgebung: vom Apparat vor ihnen, von der Schrankwand oder von der Strukturtapete, auf der das Bild mit dem rassigen Zigeunermädchen hing.

Vielmehr blieb ihm nur das weiche, nachgiebige Fleisch der Frau, die mit ihm auf der Ledercouch lag. Doch sie lagen nicht nur dort. Sie hatten auch irgendwie den schweren Couchtisch beiseite geschoben und knieten beide auf dem rauen Vorleger, der darunter lag.

Vielleicht machte es das Fleisch selbst, dass er sie immer fester anfassen musste. Vielleicht hatte er die Angst, er könnte seine Lust verlieren. Es gab nämlich kein Zurück; man musste immer weiter. Deshalb drangen seine Hände bis auf ihre spitzen Knochen. Ob er wollte oder nicht.

Durch den Fernseher kam der Ton zu den Spätnachrichten, als es mit ihnen zu Ende ging. Während seiner letzten Atemzüge wühlte der Mann in einem Berg aus viel zu schlaffem Fleisch, der vor ihm auf dem Polster lehnte. Ein letztes Mal wollte diese Frau erniedrigt werden, damit er selbst bestehen konnte.

Bevor es mit dem einsamen Mann in seinem Wohnzimmer vorbei war, winkte ein kleines Mädchen ihm von der Straße aus zu. Er lehnte gerade, auf ein Kissen gepolstert, an der Fensterbank, blickte hinaus und rauchte eine Zigarette. Wenn man die Straße entlang schaute, sah man am Ende über den Häusern den blauen Himmel und ein paar Wolken. Die Sonne schien irgendwo hinter den gegenüberliegenden Häusern. Die Luft war frisch.

Kein anderer achtete groß darauf, wenn der Mann dort am Fenster war, um die Welt außerhalb seines Zimmers zu betrachten. Wer auch immer vorbeikam, hatte sein eigenes Ziel vor Augen und keinen Blick für Leute, die ihn nicht betrafen.

Das kleine Mädchen jedoch winkte ihm zu – aus einem stillen Einverständnis heraus, das zwischen zweien besteht. Es verstand ihn, wo sonst kein anderer Verständnis hatte. Er war jetzt ebenfalls ein kleiner Junge, und was ihm als Erwachsener alles passiert war, hatte keinerlei Bedeutung mehr.

Das kleine Mädchen wies ihn von der Straße aus ganz woandershin. Er blickte es noch einmal an, weil das doch überhaupt nicht sein konnte. Aber das Mädchen bestätigte es ihm nur.

Er nickte auch, weil es genickt hatte, und wusste dann Bescheid. Es gab da kein Geheimnis mehr.

Das war der letzte Tag im Leben dieses Mannes. Er endete auf dem Polster einer schäbigen Couch gegenüber einer Schrankwand mit Fernsehapparat.

Die Sache mit dem Mädchen ist mir übrigens in Wahrheit selbst passiert. Und eigentlich war es auch gar kein Mädchen, sondern eine erwachsene Frau. Wir hatten da so eine Liebesbeziehung, wie andere sie auch haben. Wir haben dabei erlebt, was viele erleben. Und irgendwann sind wir – ganz normal – wieder auseinandergegangen.

Später dachte ich aber an einen Augenblick zurück, der anders gewesen war. Wie ein kleines Mädchen hatte sie da vor mir gestanden und mir ohne Worte zu verstehen gegeben, dass ich selbst von nun an auch ein kleiner Junge mit ihr sein könnte. Einer, der gar nicht weiß, was Erwachsene alles wissen müssen. Doch ich wusste es wohl noch und bin stattdessen auf sie los, wie man eben auf jemanden losgeht. Bald darauf war alles kaputt: zuerst sie und dann auch ich. Natürlich habe ich das erst gemerkt, als schon nichts mehr zu reparieren war.

Den Mann am Fenster hat es trotzdem wirklich gegeben. Er lebte eine Straße weiter. Ich vermute, dass er tatsächlich herzkrank war. Er ist auch wahrscheinlich gestorben; jedenfalls habe ich ihn nicht wieder am Fenster gesehen. Er sah ja immer so aus, als hätte er sich besonders weit davon entfernt, wie er als Kind gewesen war. Man sieht solche Dinge manchmal besser bei anderen als bei sich selbst. Deswegen wollte ich diese Geschichte von ihm erzählen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s