Rückkehr

Weil es genauso sein sollte, verließ mich meine Freundin Jessica an einem düsteren Abend – und ich schloss hinter ihr die Tür, durch die sie verschwunden war. Ich stand dann einfach im Flur und ging all das durch, was mir eigentlich längst klar war.

Da schellte die Klingel zweimal in schneller Folge. Die Freisprechanlage schaltete sich ein, und in ihr Rauschen mischte sich der Ton eines vorbeifahrenden Autos. Gleich neben meiner Garderobe stand der Regenschirm, den sie dort zum Trocknen aufgespannt hatte.

Ich betätigte den Türöffner, und das Rauschen aus der Anlage hörte auf. Aber im Treppenhaus begannen die Stufen zu knarren, die zu mir in die vierte Etage hinaufführen. Ich lehnte am Rahmen der geöffneten Wohnungstür.

Für mein Gefühl waren es Jahre her, seit wir uns verabschiedet hatten. Während dieser Zeit war sie zu einer Erinnerung geworden – und ich hatte verstanden. Was sie zuletzt zu mir gesagt hatte, hatte ich ohne Widerstand in mich aufgenommen. Es war, was ich hätte selber wissen können – sie sprach es aus. Sie formulierte es für uns beide und ging dann mit ihrer Wahrheit davon.

Es kann ja nichts geben, was einen Menschen daran hindert, aus Freiheit zu handeln. Das heißt: zu gehen, wenn er so entschieden hat. Nur Gewalt könnte ihn aufhalten. Dennoch gibt man einander noch etwas auf den Weg, damit jeder nachdenkt und daraus lernt, wenn man sich zurücklässt.

Ich hatte gelernt und sogar gelächelt, als Jessica weg war. Über mich selbst gelächelt. Sie hatte das Richtige getan.

Dann stand sie plötzlich wieder vor mir. Außer Atem von den zurückgelegten acht Treppenabsätzen.

Ich habe den Schirm vergessen!“

Ich weiß“, sagte ich.

Es regnet draußen.“

Wir traten in den Flur.

Du siehst verändert aus!“, meinte sie dann.

Findest du?“

Ja, irgendwie schon.“

Ihr Gesicht leuchtete, als wir uns gegenüberstanden.

Was habe ich eigentlich genau zu dir gesagt eben?“, fragte sie.

Ich weiß auch nicht mehr genau!“

Sie lächelte und sah schön aus.

Aber irgendwas hast du gesagt!“, meinte ich dann.

Wie kann man sowas vergessen, wenn man nur fünf Minuten draußen ist?“

Waren aber bestimmt nur drei Minuten!“

Na, sind aber bei dir viele Treppenstufen bis zur Haustür!“

Es war keineswegs so, dass ich versucht hätte, mich an ihre Worte zu erinnern, als wir da zusammen im Flur standen. Auch sie tat das nicht – stattdessen floss mir ihr bewegter Ausdruck entgegen und war Gefühl. Er schloss jedes Überlegen völlig aus.

Dann tanzte ihr Lachen auf mich zu, wie wenn ein Körper sich an den anderen schmiegt und den Kopf dabei mitnimmt. Es versetzte uns an einen anderen Ort.

Wir hatten den Flur verlassen. Wo der Regenschirm zum Trocknen stand, den sie vergessen hatte.

Darf ich dich mal was fragen?“

Um uns schoben sich Paare zur melancholischen Musik durch den Saal. Wir beide saßen an einem Tisch am Rand der Tanzfläche.

Ja, klar“, sagte ich. „Ich habe aber nicht immer die große Ahnung von allem!“

Uns näherte sich ein andächtig verschlungenes Paar. Jessica betrachtete es lächelnd. Dann wandte sie sich zurück zu mir.

Was denkst du“, fragte sie, „steht der Mann besser da oder die Frau? Hast du da schon mal drüber nachgedacht?“

Besser?“

Ich kann das jetzt nicht besser sagen!“, sagte sie.

Die Frau natürlich!“, antwortete ich da.

Das denkst du?“

Ja“, sagte ich, „die Frau ist ja immer … irgendwie echter bei der Sache! Nein, das ist jetzt aber auch nicht schön gesagt von mir! Männer sind ja eher die, die immer bei der Sache sind. Sie denken ja immer, man spricht gerade über ein bestimmtes Thema – und dabei merken sie nicht, dass es gar nicht um irgendein Thema geht!“

Worum denn?“

Um die beiden, die miteinander reden.“

Und das ist kein Thema?“

Genau, das ist eigentlich kein richtiges Thema. So Themen, denke ich, sind ja etwas, was die Männer die ganze Zeit beschäftigt. Männer bestehen nämlich aus zwei Teilen: aus sich selbst und aus dem Thema, an dem sie gerade hängen!“

Du auch?“

Nein, nein, nicht immer“, antwortete ich.

Da musste sie lachen.

Schau dir zum Beispiel mal die beiden an“, sagte ich leiser.

Das andächtig tanzende Paar hatte sich durch den Saal wieder in unsere Nähe geschoben. Die Frau hielt die Augen geschlossen, während ihr Tanzpartner über ihre Schulter in die Ferne blickte. Sie bewegten sich erneut von uns weg.

Er hat zwei Aufgaben“, dozierte ich weiter, „für sie da zu sein und den Rest der Welt zusammenzuhalten.“

Was soll das wieder heißen?“

Das heißt, wenn zwei sich so nahekommen, dann geht ihnen die normale Welt manchmal verloren. Und die Themen, über die man sonst spricht oder diskutiert. Und die versucht er noch zu halten. Er ist also in zwei verschiedenen Welten unterwegs: Die normale Welt schleppt er, wie hier beim Tanzen, immer noch mit!“

Ist aber ziemlich unromantisch von ihm!“

Ich glaube, er leidet da auch drunter! Er kann nie ganz mit ihr zusammen sein.“

Der arme Kerl!“

Die beiden Tanzpartner setzten sich an ihren Tisch. Das Gesicht der Frau war mit einem Mal sehr lebhaft geworden – sie lächelte. Er hingegen saß auf dem Stuhl, als hätte ihn eine große Schwere eingeholt. Er musste sich im Sitzen sogar strecken.

Siehst du, Jessica? Sie ist ganz leicht wieder an die Oberfläche getaucht – in unsre Welt!“

Ach so.“

Jessica blickte mich lange an. Aber sie betrachtete mich nicht, um mich zu beurteilen oder sich gegen mich abzugrenzen. Denn das hätte sich sofort in ihrem Ausdruck gezeigt. Vielmehr blickte sie mich einfach an.

Ich hätte von da an auch gut schweigen können, statt weiterzusprechen.

Deshalb sind die Frauen eben besser dran“, sagte ich aber.

Diesmal fing sie richtig an zu lachen.

Wie kommst du denn da wieder drauf?“

Du hast doch gefragt!“, entgegnete ich. „Über das Thema wollten wir doch sprechen!“

Ja, wenn du meinst.“

Oder ist’s dir nicht mehr so wichtig?“

Doch, doch.“

Die Frau am Nebentisch hatte beide Hände auf den Arm ihres Tanzpartners gelegt und sich ihm zugewandt, während er offenbar an sich selber litt. Sie war für ihn da.

Also, was ich sagen wollte“, erklärte ich dann, „der Mann hat sich und seine Gedanken, die Frau dagegen hat ihn und ist von den Gedanken um sich selbst quasi frei. Sie hält nämlich sie beide zusammen.“

Ist ja auch eine Aufgabe!“, erwiderte Jessica ironisch.

Ich meine das ganz ernst, Jessica! Sie ist dadurch komplett geworden – und auch glücklich!“

Dann muss sie jetzt wohl immer für ihn mitdenken!“

Nein, so nicht“, entgegnete ich. „All das kommt irgendwie aus ihrem … so aus dem Ganzen ihres Gefühls. Sie fühlt ab jetzt für zwei! Sie weiß dann, was richtig ist.“

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das der genaue Wortlaut gewesen ist, als wir dort zwischen den tanzenden Paaren saßen. Aber ungefähr war es das, was ich schon immer gedacht hatte.

Jessica bat mich noch, mit ihr zu tanzen, als die Musik etwas leichter wurde. Weil ich das Tanzen nie gelernt hatte, ließ ich mich von ihr führen. Sie hatte ein Gefühl für die richtigen Schritte, während meine Brust fest an ihrer lag.

So hatten wir also an jenem Abend getanzt, und sie war für mich jemand gewesen, den ich nie ganz fassen konnte, selbst wenn ich ihn umfasst hielt. Aus ihr stiegen tausend Gefühle auf, die sie gar nicht aussprechen musste, um mir etwas zu sagen.

In meinem Flur, vor der offenen Wohnungstür, dachte ich daran zurück. Ich stand dort und blickte in das dunkle Treppenhaus. Denn sie war es nicht gewesen, die geschellt hatte. Sie war nicht wieder zu mir hochgekommen, auch wenn die Stufen tatsächlich ein paar Mal geknarrt hatten. Auch war es in Wahrheit mein eigener Schirm, der da zum Trocknen aufgespannt war und ihrem nur ähnlich sah.

Ich stand nämlich alleine dort. Von unten war kein Ton mehr zu hören. Ich schloss die Tür, ging ins Wohnzimmer und setzte mich hin.

Ich weiß nicht, wie lange, aber ich saß dann im Sessel und bestand aus nichts als Gefühl. Es ist schwierig, einen solchen Moment mit Worten zu erfassen. Jedes Wort bezeichnet ja etwas Einzelnes, aber für mich gab es nur noch eine Fülle, die flutete und jede Einzelheit unwichtig machte.

Da schellte es noch einmal.

Sie würde also doch zurückkommen, war mein Gedanke. Diesmal nicht wegen ihres Schirms. Sie würde einfach so wiederkommen. Kein Grund konnte im Weg stehen, wenn zwei zusammengehörten.

Noch bevor ich vom Sessel aufstand, wusste ich, dass ich mich keine Sekunde von ihr verlassen gefühlt hatte. Selbst wenn sie doch endgültig gegangen wäre, selbst wenn jetzt jemand anderes geschellt hatte – etwa aus Versehen oder zum Scherz –, so war sie doch immer da gewesen.

Sie hatte mir vor ihrem Weggehen gesagt, sie sei für mich austauschbar, sie sei für mich jede Frau. Ja, dass sie außerdem Gedanken habe, von denen ich nichts wissen wolle.

Und Hintergedanken! Ja, vor allem die! Dagegen sind deine ziemlich harmlos!“

Das hatte sie gesagt, und das Bild von uns beiden wäre nicht vollständig geworden ohne diese letzten Worte.

Ob sie nun zurückkehren würde oder nicht – beides wäre so, wie es sein sollte. Vor diesem Abend hätte ich nämlich nie begreifen können, dass sich die Liebe nicht an den realen Tatsachen festmachen lässt. Ist sie einmal aufgetaucht, dann bleibt sie.

So in etwa fühlte ich mich, als ich an die rauschende Freisprechanlage trat und den Türöffner betätigte.

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