Eine komplizierte Geschichte

Zwei Häuser weiter hat einer gewohnt, der hieß Konstantin oder Konrad; jedenfalls fing sein Name mit K an. Man fand ihn in seiner Badewanne liegen, er hatte sich sämtliche Adern aufgeschnitten, sagt die Polizei. Er muss so lange dort im Wasser gelegen haben, bis er tot war, und dann hat man ihn später aus seinem Badezimmer geholt und abtransportiert. Wir haben überhaupt keine Vorstellung davon, wie das am Ende ausgesehen hat. Wir haben uns nur gefragt, ob Blut irgendwann im Wasser gerinnt und dieser Konstantin dann zum Schluss quasi in einem Block aus roter Gelatine gelegen hat.

Auf jeden Fall kann es kein schöner Tod gewesen sein. Durchaus möglich, dass das warme Wasser in der Wanne die Schmerzen an den offenen Wunden mildert. Man merkt wahrscheinlich erst einmal gar nicht so viel, während einem das Blut aus den Adern strömt. Ja, und die leichten körperlichen Schmerzen, die man dann empfindet, sind vielleicht sogar anfangs eine Wohltat, weil sie einen von anderen Problemen ablenken.

Keine Ahnung, wie lang das gehen kann, dass jemand da so in der Wanne liegt, als würde er ein Bad nehmen: den Kopf über dem Wasser, das allmählich immer roter wird. Keine Ahnung, was einer dabei denken wird.

Aber irgendwann ist es mit dem Denken dann auch vorbei. Weil das Blut dafür einfach nicht mehr ausreicht. Ab da ist man nicht mehr imstande, es sich noch einmal zu überlegen. Nicht eben schön das Ganze.

Und dabei machen Leute, die auf Ideen kommen wie dieser Konstantin oder wie der hieß, sowieso nichts anderes als den ganzen Tag nachdenken. Mit dem Kopf voller seltsamer Gedanken gehen sie durch die Gegend.

Dieser Konstantin also – das ist uns bekannt – wohnte gleich zwei Häuser weiter in unserer Straße. Er hatte eine Frau kennengelernt. Denn andernfalls wäre er später ja nicht in die Badewanne gestiegen. Wie er es zustande gebracht hat, in Kontakt zum anderen Geschlecht zu kommen, ist jedoch nicht ganz klar.

Normalerweise sind Leute seines Alters ja auf der Suche nach etwas Festem. Und wer richtig sucht, der findet auch jemanden, der ebenfalls danach sucht. Das ist vergleichbar mit dem Markt: Es gibt immer gute Angebote für einen, wenn man die Augen offen hat. Nur in den Büchern, vor allem den alten, die zum Glück keiner mehr liest, wird behauptet, jeder hätte da auf der Welt sein Gegenstück, und damit machen sie dann ihren Lesern das Leben schwer.

Für diesen Konstantin war die Sache also ziemlich schwer, aber an irgendeinem Abend hatte er so eine Frau an der Hand gefasst, weil diese Frau sie ihm hingehalten hatte, und dann küsste er sie auch, weil der Mund da schon gleich vor ihm stand. Einfacher konnte man es ihm ja nicht machen. Diese Frau hatte wohl sowieso die ganze Zeit vorher gelächelt wie ein Mädchen, das darauf wartet, abholt zu werden.

Dann gingen also die beiden Verliebten im Mondschein durch den Park, der hier in der Nähe ist: Das Mädchen war glücklich, dass man sie abgeholt hatte, und der Junge wusste nicht ganz, was mit ihm geschah. Sie gingen und gingen, als hätten sie im Gehen die gesamte Ewigkeit vor sich. Sie sagte kein Wort, weil ihr Plan aufgegangen war. Er wiederum sagte auch nichts, weil er nicht konnte.

Keiner hätte sagen können, wie viel Zeit verging, bis sie – rein zufällig – das Haus von diesem Konstantin in unserer Straße erreichten. Sie betraten sodann erwartungsvoll seine Wohnung.

Für gesunde Menschen, die fest im Leben stehen, ist es eine echte Herausforderung, sich auszumalen, was ein anderer Körper für welche von der Sorte dieses Konstantins bedeuten muss. Kein Mensch denkt sich so viel dabei wie einer, der so viel denkt. In der Mathematik wird allen Schülern beigebracht, dass ein Körper plus ein Körper zwei Körper ergibt. Im Fach Biologie weist der Lehrer außerdem zurecht darauf hin, dass aus zwei von denen auch schnell noch ein dritter entstehen kann. Aber manche Charaktere erkennen diese einfachen Wahrheiten nicht an. Für sie scheint es offenbar gar keine Körper zu geben. Wo wir Normalen den Körper des anderen Geschlechts anfassen – mit all den entsprechenden Kenntnissen –, glauben die wohl, derselbe Körper würde für etwas stehen, was man mit Händen gar nicht fassen kann. Wie zwei Leute dann trotzdem zusammen im Bett liegen können, ist wie gesagt ziemlich schwer vorstellbar.

Aber zuletzt waren es doch zwei Körper in der Wohnung von Konstantin, und die wollten sich danach auch noch ein bisschen unterhalten.

Liebst du mich denn auch?“, fragte das Mädchen die Frage, die Mädchen immer stellen.

Der Junge aber blickte lange in die Augen der Fragestellerin. Es herrschte eigentlich eine romantische Atmosphäre dort in der Wohnung: mitten in der Nacht, bei heruntergezogenen Jalousien und vielleicht im Schein einer einzigen Lampe.

Der Junge also, dieser Konstantin, blickte sie lange an.

Die Fragestellerin wusste selbst, dass ihre Frage für ihn nicht zu beantworten war. Die Frage war ihr auch einfach nur so gekommen. Denn tatsächlich hatte sie selbst sich diesen Jungen ausgesucht und ihm so lange die Lippen hingehalten, bis er zugegriffen hatte. Ihr Interesse war es gewesen, zu erfahren, wie einer ist, für den sie kein Körper war. Solche Dinge interessieren Frauen eben.

Und kurz darauf verließ sie die Wohnung von Konstantin auch wieder. Sie ging davon, weil er nichts sagte.

Wahrscheinlich hat er ihr dann am folgenden Tag hinterhertelefoniert. Nach stundenlangem Überlegen ohne Ergebnis ist ihm wahrscheinlich endlich eingefallen, was er sagen wollte.

Sie lässt es also lange klingeln, bis sie den Anruf annimmt, und er sagt zu ihr, was er sich vorgenommen hat. Aber das klingt für sie wenig überzeugend. Er ist auch selbst nicht mehr davon überzeugt. Doch er sagt es trotzdem.

Sie meint dann sinngemäß zu ihm: „Du wolltest doch nur meinen Körper besitzen! Und jetzt willst du ihn auch noch einklagen, damit du ihn für immer besitzen kannst!“

Labile Menschen übernehmen schnell die Meinungen anderer Leute. So auch dieser Konstantin. Er fängt plötzlich an, die Nacht mit diesem Mädchen anders zu sehen, als sie gewesen ist bzw. als er sie zuvor gesehen hat. Er sieht da nur noch zwei Körper liegen: einen Männer- und einen Frauenkörper. Wobei der Männerkörper die Oberhand hat, weil er von Natur aus kräftiger gebaut ist. Obwohl natürlich, genau genommen, gerade dieser Konstantin nicht sonderlich kräftig gebaut war, wenn man ihn so durch die Gegend gehen sah.

Den gesamten Sinn für Tatsachen verliert er jetzt aber. Genauso wie die hohe Meinung, die er von sich selber hatte. Von nun an ist er bloß noch ein Körper mit anderen Körpern – und der einzige Weg scheint für ihn der, sich einen weiteren Körper zu suchen, damit er wieder glücklich werden kann.

Dabei war er doch in Wahrheit ein anständiger Junge, der mit dem Mädchen in der Nacht nicht mehr angestellt hatte, als sie selbst es wollte. Auch wenn er in seinem Leben ein wenig zu viel gedacht hat, wollen wir ihm hier keinesfalls Schlechtes nachsagen.

Nur eben mit Worten ist er ein wenig zögerlich gewesen. Doch um auch einmal ehrlich zu sein: Bei uns im Haushalt sagt man zueinander zwar „Ja, ich liebe dich“ oder „Ja, ich dich auch“. Das ist etwas ganz Einfaches, und nur komplizierte Charaktere würden solchen Angelegenheiten kompliziert machen. Aber es treten natürlich immer Situationen auf – jeder kennt das aus Erfahrung –, in denen einem die Anwesenheit einer zweiten Person in der Wohnung einfach zu viel wird. Vielleicht so, als hätte man gerade gut gegessen, und jeder wäre für sich mit seiner Verdauung beschäftigt. Das Essen war zwar ein Genuss, aber gleich darauf sind die Bäuche voll und schwer. So sitzt man dann einander gegenüber am Tisch.

Nur würde eben kein Mensch mit Verstand dann verzweifelt aufspringen und gleich in eine Badewanne steigen.

Leute wie dieser Konstantin – oder wie immer der hieß, der in unserer Straße zwei Häuser weiter wohnte – sind da anders. Sie nehmen all ihre verworrenen Gedanken, die ihnen durch den Kopf gehen, absolut ernst.

Und so ging das wohl bei dem nach dem Telefonat mit der Frau erst richtig los. Es ist nicht anzunehmen, dass er sofort das Badewasser aufdrehte. Und wenn doch, dann war es vielleicht zunächst seine Absicht, zur Entspannung ein Bad zu nehmen. Doch die Dinge in seinem Kopf kreisen nun unaufhörlich: Das eine Mal denkt er also, dass er genau der ist, für den diese Frau ihn hält. Er ist vollkommen überzeugt von ihrer Meinung und wird rasend. Das andere Mal ist er wieder er selbst und erinnert sich an ihr Lächeln und an die vollen Lippen, die sie ihm angeboten hat. Als dritte Denkmöglichkeit kommt dann für ihn sogar noch in Betracht, dass sie mit ihren Worten am Telefon eigentlich etwas anderes sagen wollte, als er herausgehört hat. Womöglich erkennt dieser Konstantin in solchen lichten Augenblicken, wie wenig Worte manchmal zu bedeuten haben. Nicht, dass die Worte von Frauen keinerlei Bedeutung hätten; nur eben oft nicht die, die man im ersten Moment annimmt. Aber auch dieser Gedankenfaden reißt ihm wieder ab.

Der Konstantin also denkt und denkt immer weiter. Vielleicht jedoch denkt er gar nicht richtig. Obwohl er das ja schon sein Leben lang übt. Vielleicht ist richtiges Denken doch eher, wenn man auch zu einem Gedanken kommt. Stattdessen wiederholt sich bei ihm ewig das Gleiche – bis er darin versinkt.

Es ist schon eine ziemlich komplizierte Geschichte gewesen. Mit viel Raum für Spekulationen. Man sieht, dass Denken und Denken nicht dasselbe sind und dass man im Zweifelsfall besser die Finger davon lassen sollte.

Konstantin jedenfalls stieg zuletzt in eine Badewanne. Und dort hatte es dann bei ihm mit dem Denken auch ein Ende.

Danach wird für ihn etwas Neues gekommen sein, ist zu vermuten.

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