September

September, I’ll remember. A love once new has now grown old. (Paul Simon)

Weil er gemeint hatte, man mache das in einer Lage wie seiner, hatte Arnold Schneider schließlich einen Termin mit einem Psychologen vereinbart. Als er am entsprechenden Tag vor dem Haus mit den vielen Arztpraxen stand, regnete es gerade in Strömen, und an den Bürgersteigen liefen ganze Bäche entlang.

Im Praxiszimmer nahm er auf einem bequemen Sessel Platz und sah im Raum umher, während der Therapeut – er hieß Dr. Walter und war bereits ergraut – einige Formulare ausfüllte. An der gegenüberliegenden Wand hing ein Bild mit einer jungen Frau, die alleine in einem Café saß. Sie hatte ihren Blick in Gedanken gesenkt. Die Hände ruhten auf dem Tisch.

Der Therapeut stellte nun ein paar Fragen zu seiner Person, die Arnold Schneider schnell beantworten konnte. Darauf betrachtete Dr. Walter ihn für einen Augenblick, und das lebhafte Gesicht des Therapeuten sprach dafür, dass er im Inneren mit Gedanken spielte.

Wie verbringen Sie denn Ihre Freizeit, Herr Schneider?“, fragte er. „Haben Sie Hobbys?“

Ich geh gern spazieren!“, antwortete Arnold.

Der Blick des Therapeuten glitt zum Fenster.

Und Sie lassen sich wahrscheinlich vom Wetter nicht abhalten?“, fragte er dann.

Nein. Ich mag den Regen.“

Wir Deutschen lieben eben die Natur – das Grün, die Jahreszeiten.“

Ich geh immer gern auf den Friedhof!“

In der Nacht?“, fragte der Therapeut und kam ein Stück vor.

Nein. Nachts träume ich.“

Sie sagten, Sie sind momentan alleinstehend. Waren Sie denn schon einmal verheiratet?“

Nein, aber ich war verlobt.“

Verlobt“, wiederholte der Therapeut. „Also offiziell verlobt?“

Wir beide haben das so gesagt…“

Darf ich Sie fragen, wie Ihre Verlobte hieß?“

Anna.“

Der Name von Anna trat Arnold über die Lippen wie ein Atemzug, der sich nur schwer aus der Brust lösen wollte. Dr. Walters Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an, und dahinter würde er wahrscheinlich den Gedanken wälzen, dass Arnolds Verlobte gestorben war und dort auf dem Friedhof lag. Aber wo immer sie auch tatsächlich genau sein mochte, saß sie eher in einem Café wie die Frau auf dem Bild und ließ die Dinge um sich geschehen.

Herr Schneider?“

Der Therapeut blickte jetzt mit großem Interesse.

Was hat Sie denn da mit Anna am meisten unglücklich gemacht?“

Ich war nie unglücklich“, antwortete Arnold.

Das heißt, Sie waren sehr glücklich mit ihr?“

Ja. Aber man ist sich da nicht immer bewusst, dass man so glücklich ist. Es ist dann wie selbstverständlich – man merkt es kaum!“

Und Ihrer Anna ging das genauso?“

Ja.“

Aber sie hat Sie trotzdem verlassen, Herr Schneider?“

Wenn man richtig überlegte, gab es ja zwei Dinge im Leben: Da war einmal die Realität, über die sich alle erwachsenen Menschen ziemlich einig waren. In der Realität waren zwei Menschen an zwei verschiedenen Orten; sie nahmen sich wahr, wenn sie die Nähe zueinander aufsuchten, oder sie waren räumlich voneinander getrennt und sahen sich nicht. Die Realität fügte einem immer Schmerzen zu, weil sich in ihr so selten etwas erfüllte. Daneben gab es etwas Zweites, wo man auch gegen alle Logik glücklich sein durfte. Dort war keiner getrennt, und es gab keinen Grund für Schmerzen.

Gut, Herr Schneider“, sagte Dr. Walter dann. „Wie würden Sie das denn selber formulieren, weswegen Sie zu mir gekommen sind?“

Ich hab manchmal Zweifel.“

Welche Zweifel haben Sie?“

Dass … dass doch nichts gut ist.“

Was genau meinen Sie?“

Ich hab Zweifel, dass es nicht gut ist, wie es ist.“

Was sagt Ihnen denn Ihr Gefühl, Herr Schneider?“

Dass es so sein soll!“

Dr. Walter wechselte die Sitzposition und schlug die Beine übereinander.

Ja, es ist schon komisch“, erwiderte er. „Obwohl wir eigentlich unsere religiöse Tradition hinter uns gelassen haben, sprechen wir davon, dass wir verzweifelt sind … dass wir Zweifel haben … Zweifel an uns selbst, Zweifel an anderen … an allem! Und tatsächlich geht es denen so, die zu jemandem wie mir kommen, damit sie sich selbst besser verstehen … Sie stehen nicht alleine da, Herr Schneider!“

Mir kam es nur irgendwann komisch vor, dass ich so gerne auf dem Friedhof spazieren geh – und nicht einfach im Wald oder im Park, Herr Walter!“

Ja, ist ja nicht verboten, das zu tun, Herr Schneider! Wie würden Sie sich das denn selbst erklären?“

Auf den Grabsteinen stehen die ganzen Namen von Menschen, die nicht mehr da sind… Natürlich kenn ich da keine einzigen von … Aber das spielt auch keine Rolle … Ich find’s nur manchmal beruhigend …“

Und Ihre Anna ist auch nicht mehr da – das heißt, in Ihrem Leben!“

Ja.“

Das ist Realität.“

Die tut weh“, sagte Arnold.

Sie trauern offensichtlich“, entgegnete der Therapeut.

Draußen vor dem Fenster regnete es weiter. Gedämpft und gleichmäßig war das Rauschen des Regens auch in der Praxis zu hören. Die junge Frau auf dem Bild an der Wand gegenüber saß da im Café, hinter dessen großen Scheiben bereits die Dunkelheit des Abends aufgezogen war. Im Hintergrund leuchteten Straßenlaternen. In welcher Stadt auf der Welt sich dieses Café befand, war unbekannt. Es konnte jede Stadt sein – oder keine.

Aber die Frau hatte diesen Ort aufgesucht, um niemand anderen als sich selbst zu finden. Sie wartete auf keinen, sondern würde jeden anderen Gast nur kurz betrachten und in ihm dieselbe Einsamkeit wiedererkennen.

Wer es gelernt hatte, für sich zu sein, der sah klar und deutlich. Kein Mensch ließ den anderen in Ruhe. Kein Mann ließ eine Frau in Ruhe. Jeder hatte ein Interesse und nutzt das Zusammensein für die eigenen Zwecke.

Hat Ihre Anna Sie denn verletzt, Herr Schneider?“

Nein, nein. Verletzt war ich nur wegen mir selbst.“

Aber Sie meinen, Sie haben sie verletzt?“

Ja, das hab ich!“

Dr. Walter blickte Arnold direkt an.

Dann sind Sie ein Mensch, der die Schuld für alles immer bei sich sieht? Damit Sie sich mit dem Anderen nicht auseinandersetzen müssen oder sogar mit ihm streiten? Wollen Sie dem Streit immer aus dem Weg gehen?“

Der eigene kluge Gedanke ließ den Therapeuten lächeln.

Ja … vielleicht“, antwortete Arnold wahrheitsgemäß, „aber ich denke, dass man ja doch für seine Fehler am Ende selber geradestehen muss. Man kann sie nicht immer auf andere schieben!“

Aber wenn man sich auseinandersetzt, Herr Schneider, dann können beide Seiten auch daraus lernen!“

Wir haben schon gelernt“, erwiderte Arnold, „ich auch…“

Der Therapeut hielt ihm darauf nichts entgegen. Er schwieg und ließ Arnold mit seiner letzten Aussage zurück. Der jedoch fragte sich, ob er zu Dr. Walter gegangen war, weil er sich in Wahrheit einsam fühlte – weil er da einsam über den Friedhof ging und die Grabsteine betrachtete, die von all den Verstorbenen zeugten.

Es mochte sein, dass doch etwas blieb, nachdem jemand aus der Welt verschwunden war. Vielleicht war nicht nur das die Wirklichkeit, was man vor beiden Augen hatte und mit den Händen fassen konnte.

Wissen Sie denn, wo Ihre Verlobte jetzt ist, Herr Schneider?“

Den Ort kenn ich nicht“, antwortete er.

Aber Sie würden sie gern wiedersehen?“

Die Zeit ist vorbei.“

Es ist nie zu spät!“

Aber es ist besser so“, entgegnete Arnold.

Irgendwann würde jemand, der in einem Café saß, um nachzudenken, aufstehen und wieder hinausgehen. Draußen auf der Straße ging das Leben weiter. Nicht häufig, aber doch manchmal traf man einen anderen Menschen, der einem etwas bedeutete. Der würde einem – wie der Frau dort auf dem Bild – zeigen, dass es sich gelohnt hatte, zu warten, statt zu eilen.

Auch Arnold Schneider verließ irgendwann die Praxis von Dr. Walter und trat wieder aus dem Haus in den Regen. Eine Frau mit orangefarbenem Regenschirm kam vorüber. Er sah nur ihr Haar und ihre Gestalt, die sich zerbrechlich und zugleich entschieden voranbewegte. Dann verschwand sie in der Entfernung.

Der Regen gehörte zum Verlauf der Natur; ohne ihn würden Bäume und Pflanzen nicht bestehen können. Wenn Arnold auf den Friedhof ging, so ging er zur gleichen Zeit in einen Park. Denn wo die lagen, die man verloren hatte, und wo jeder sich mit dem eigenen Ende auseinandersetzte, kam doch eigentlich umso mehr neues Grün hervor. An diesem Ort war die Natur lebendiger als an den meisten anderen Orten in der Stadt – auch wenn dies zunächst nicht auf der Hand lag.

Der Psychologe Dr. Walter ging am Abend desselben Tages noch mit seiner Frau ins Kino. Wie jedesmal in letzter Zeit war seine Frau sehr unzufrieden mit dem Film. Als sie beide aus dem Kinosaal die Treppe hinunter ins Foyer kamen, sah Dr. Walter seinen Klienten Arnold Schneider, der offenbar einen anderen Film gesehen hatte. Der verschlossene Mann, den seine Verlobte verlassen hatte, machte den Eindruck, als hätte ihm sein Film viel zu sagen gehabt. Mit gedankenvollem Ausdruck durchquerte er den Raum.

Nur ein paar Tage darauf fand die Frau von Dr. Walter heraus, dass ihr Mann sich Seitensprünge mit jungen Arzthelferinnen aus den benachbarten Praxen erlaubt hatte. Sie beantragte sofort die Scheidung, obwohl die beiden einen Sohn hatten, der noch nicht volljährig war.

All dies ereignete sich im September.

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