Beate ist beschäftigt

„Ich kann jetzt nicht lange sprechen“, sagte Beate, die früher als gewöhnlich angerufen hatte, „mir kam da aber etwas in den Sinn.

Du kannst dir ja denken, dass meine Gedanken nicht so oft in derart philosophische Höhen gehen wie bei dir. Dafür habe ich hier bei mir zu viel zu tun. Ich komme ja gar nicht dazu, allem und jedem immer auf den Grund zu gehen. Immer nach dem Grund zu suchen, statt einfach etwas zu tun, dafür fehlt mir nun einmal die Zeit.

Außerdem ist da ja noch der Roland, mit dem ich die meisten Abende verbringe. Das Leben ist nämlich, was man selber daraus macht, Agnes. Oder findest du etwa nicht?

Denk doch nur mal an Bettinas Hund. Oder an deine Pflanzen. Ich meine, die leben ja auch irgendwie. Die essen und bellen, also natürlich jeder anders. Und die werden größer, man könnte auch sagen: erwachsen. Und dann irgendwann gehen sie eben ein.

Aber bei uns ist das anders, es ist komplizierter.

Wenn du beispielsweise Hunger hast, dann musst du nicht unbedingt essen, sondern du hast dir vielleicht überlegt, dass du abnehmen willst, oder du isst meinetwegen nur einen Salat, obwohl du eher richtig Hunger hättest. Wir haben die Wahl, Agnes, genau, das ist es: Wir wählen unser Leben selbst.

Bettinas Hund, der lebt einfach. Aber bei uns ist es viel komplizierter. Wir wissen eigentlich gar nicht, wie wir leben sollen. Der Hund dagegen weiß immer Bescheid, weil Bettina und Bert ihm immer Bescheid geben, was er jeweils tun soll. Und abends, da kriegt er dann seinen Knochen.

Sein Leben ist durch und durch geregelt, und selbst wenn er sich Gedanken machen könnte, würde er niemals auf den Gedanken kommen, dass alles auch ganz anders sein könnte, als wie es im Moment ist. Er würde nicht denken, dass er vielleicht ein besseres Leben führen könnte, wenn er Bettina und Bert einfach davonlaufen würde und wer weiß wohin ginge.

Agnes, jetzt weiß ich, was ich sagen wollte: Unser Leben ist so erfüllt, weil wir selbst bestimmen, wie es sein soll.

Wir geben unserem Leben selber den Sinn, und ich muss mir eben nur noch ein paar Gedanken machen, ob ich es noch länger aushalten kann, dass Roland überhaupt nichts zu sagen hat und sich nur permanent von mir bekochen lässt, statt auch einmal ein intelligentes Gespräch mit mir zu führen. Ich glaube, er lässt sich so gern ständig streicheln und trösten, weil er überhaupt nicht selbstbestimmt sein will! Ihm mangelt es vollständig an der Willenskraft dazu!

Also, Agnes, ich rufe dich auf jeden Fall später noch mal an. Du weißt, ich bin im Moment hier einfach zu sehr beschäftigt.“