Agnes sprüht

Zunächst – der Herbstnachmittag war wieder jahreszeitgemäß bedeckt – legte Agnes eine Schallplatte auf, mit der Musik, die die passende Gesamtatmosphäre für ihr Vorhaben schaffen würde.

Das war wichtig, denn nicht nur die Pflanzen benötigten etwas zur Entfaltung, auch Agnes selbst musste dadurch erst einmal in Stimmung kommen, waren die Pflanzen doch auf ihre aktive Mithilfe angewiesen.

Draußen begann es in dicken Tropfen zu regnen, als Agnes die ausgedörrte Erde ihrer Orchidee betastete, die ihren Platz auf der Fensterbank hatte. Daneben die Kakteen, die auf ihre eigene Art schön aussahen; selbstgenügsam ragten sie auf, ohne viele Pflegeansprüche zu stellen, und strotzten sogar unter den kargsten Umständen.

Eine sehnsüchtige Schwere überkam sie bei den Kakteen, und doch war sie entschlossen, zum großen Gießen des Nachmittags überzugehen.

Die Musik auf der Platte erreichte soeben eine rhythmisch gespannte Stelle, da begann Agnes das Wasser fließen zu lassen, nach dem die trockene Erde so sehr verlangt hatte. Mit dem Sprühen, das darauf folgte, feuchtete sich langsam der gesamte Raum an, den die laufende Heizung zuvor noch trocken und stickig gemacht hatte. Zwar nicht richtig tropisch wurde es jetzt, wie es etwa die Palmen gewünscht hätten, aber Agnes selbst atmete auf, als sie sich nun belebter fühlte und unter der Begleitung einer schönen Streicherstelle neu erkannte, dass sie ebenfalls zur Leidenschaft imstande war. Ihre Leidenschaft aber galt dem Leben der Pflanzen.

Agnes sprühte.

Dann ging sie herum und strich jeder Pflanze über die Blätter: über kleine Blätter, große fleischige von saftigem Grün und weitere mit zarten Härchen darauf, an denen die Tropfen gerne einen Moment stehen blieben, bevor sie langsam abperlten. Auch die Orchidee, deren empfindliche Blüte sie nur sacht berührte, erschien glücklicher vor ihrem Fenster, als die schweren Herbstwolken sich plötzlich zu ihrer Überraschung lichteten.

Es hatte, dachte Agnes, schon etwas Dramatisches, wie das Sonnenlicht ihr Zimmer mit einem Mal verwandelte, ganz so, als wäre jetzt ein Sommer tief im Herbst.

Vor dem Spiegel im Badezimmer, in das Agnes später ging, betrachtete sie aufmerksam ihr eigenes Gesicht, bemerkte die Rötung ihrer Wangen, die leuchtenden Augen, die sie bekommen hatte. Von der Schallplatte ertönten die letzten Takte der Musik.

Ein Mann könnte sie lieben, wenn sie sich als Frau mit ihm zusammen der echten Leidenschaft ergab. In seinen Armen würde sie endlich wahrhaft aufblühen und zu jemand werden, den sie jetzt noch kaum erahnen konnte. Ob es denn wohl der große dunkle Mann von gegenüber war, in dessen kräftigen Armen sie sich selber finden würde, das wagte sie sich nun noch nicht zu sagen, auch wenn inzwischen alle Zeichen auf ihn wiesen. Der richtige Zeitpunkt kam jedoch allmählich immer näher.

Sie stand schon knapp davor. –

Agnes’ Blick ging dann von ihrem Spiegelbild auch flüchtig auf den Spiegel selbst: Der müsste auf jeden Fall im Verlauf des Tages noch geputzt werden. Am besten, sagte sie mit Entschiedenheit zu sich, am besten gleich sofort.